Leerstuhl für Phantastik

Freitag, 20. Juni 2008

Blindgänger im Buchstabengestöber

Diese Buchstabenflocken lockern, / pflügen mein Gesichtsfeld um / sähen blinde Flecken / ein Nacht-/Schattengewächs / durchwuchert den Verstand / abgewürgt.

Mühselig stapft es sich durch die Zeilen / nicht tot, aber / ermattend.

Der Blick sinkt ein / die Augen kristallieren / zu Schmerz.

Ein Schrei sickert aus der Kehle / gerinnt.

Draußen in den Texten ist es kalt/ mein Geist baumelt in diesem kahlen Geäst / selbst Gerüst.

Dienstag, 10. Juni 2008

Neuer Fachbereich am Leerstuhl: Obszöne Toponomastik

Es ist erstaunlich, dass die hiesigen Flurbezeichnungen so bieder sind, wo doch gerade das Bergvolk gerne den einen oder anderen Hund verlocht. Sollten selig trunkene Sennen eine mit Hügelchen übersäte Alp je anders als "Püpialp" getauft haben? Wie könnten schnapsende Jäger davor zurückgeschreckt sein, Talflanken und üppige Weiden den Auswüchsen des weiblichen Körpers zu vergleichen? Wie kommt es, dass die ur-schweizerische feuchtfröhliche Folklore in so trockene und nüchterne Toponyme ausfloss?

Die Vermutung einer Geschichtsverfälschung liegt nahe. Nur der stets schädliche Einfluss von prüden Pfaffen erklärt die Diskrepanz zwischen dem, was sein sollte, und dem, was ist. Forschung und Lehre im Fachbereich "Obszöne Toponomastik" zielen darauf, die verschütteten Flurnamen in ihrer ursprünglichen Schlüpfrigkeit freizulegen, und das kritische Bewusstsein dafür zu schärfen, wie die Kirche bis zum heutigen Tage unser Weltbild verzerrt.

Samstag, 31. Mai 2008

"ich erkläre diesen blog für gescheitert" oder ein stipulierter performativer selbstwiderspruch

ein freund, nennen wir ihn wie er heißt, hielt nicht ohne häme fest, dieser blog sei – mangels einträgen – keiner. gescheitert. in unkenntnis zwar dessen, ob eine mindestzahl einträge notwendig sei, um einen blog zu konstituieren, leuchtete mir dies dennoch ein. somit erkläre ich diesen blog für gescheitert. außer die mindestzahl einträge sei zwei.

Samstag, 5. April 2008

Balders Mottos

An der Scheibenstrasse 25 stand Balder im dritten Stock beim offenen Fenster und gab das Motto für den Tag raus: „Kauf ein Brot.“ Er sagte es halblaut. Doch die Leute, die rauf schauten, verstanden. Sie verharrten, den Kopf im Nacken. Balder stand im Fensterrahmen, er blickte in die Weite. Wiederholen würde er es nicht. Aber das Motto würde die Runde machen. Er trat weg und schloss das Fenster.

Er hatte sich etwas Griffiges vorgenommen für heute, Balder. Ein greifbares Motto, das die Leute im Alltag umsetzen können. Nichts Abstraktes, Hochtrabendes. Gleich zwei-, dreihundert Meter später würden sie zur Tat schreiten. Am Breitenrainplatz gibt’s einen Migros und einen Coop.

Die Leute verstehen nicht immer. „Welle“ war so ein Motto gewesen. Er hatte den Arm dazu bewegt, in Form einer Welle. Am nächsten Tag wand sich gegenüber ein gemaltes Gewächs die Wand eines Bürogebäudes empor. Vielfarbig und wellenförmig. Balder murrte. So war es nicht gemeint. Aber er hatte es befürchtet.

Balder selbst hatte kein Motto. Er brauchte keins, er schwieg sonst. Bis darauf, dass er die Mottos verkündete. Aber die Leute im Quartier brauchten eines. Das sah man. Balder sah es. Und er nahm seine Pflicht wahr.